Dienstag, 7. März 2017

Nachtrag Izmir

So viel zu meinen guten Vorsätzen, was diesen Blog angeht. Nun war der neue Computer völlig hinüber. Immerhin habe ich bei der Datenrettung Fotos aus dem Basar von Izmir gefunden, die ich schon lange posten wollte. Ich vermisse meine regelmäßigen Ausflüge in die Westtürkei jetzt schon, überhaupt meldet der beginnende Frühling, dass ein neuer Aufbruch ansteht, anstehen muss. Die ersten Recherchen für eine Kaukasusreise haben schon begonnen, aber jetzt bleibe ich erstmal nostalgisch.

Neo-Osmanismus am Lutscherstand
Der Affe mahlt (oder besser: stampft) Kaffeebohnen

Kolleginnen bekamen am Fischmarkt einen Übelkeitsanfall.
Und dann stand noch ein Korb Fische auf Eis neben dem Cafétisch.
Noch mehr Sütlac für mich.

Es kann gar kein zu viel an Orient-Kitsch geben, oder?

Freitag, 20. Januar 2017

Es war einmal oder auch nicht ... - ein Märchen zum 20. Januar

Es war einmal ... so beginnen deutsche Märchen und der deutsche Erzähler gibt dem Zuhörenden das Gefühl, als wäre was er erzählt, ganz genauso passiert. Türkische Märchenerzähler sind vorsichtiger:  - vielleicht war es, vielleicht aber auch nicht, ich habe es selbst nicht gesehen. Ich schließe mich hiermit der türkischen Variante an:

Es war also einmal, vielleicht aber auch nicht, ich habe es selbst nicht gesehen, ein großes Reich. Im Norden lag das ewige Eis und im Süden wiegten sich Palmen an langen Stränden. Wenn im Westen des Reiches die Sonne aufging, war es im Osten schon später nachmittag. Im Süden dieses Reiches, vom Zentrum getrennt durch tiefe Wälder und breite Flüsse, hohe Berge und weite Wüsten, am Ufer eines Meeres lag eine Stadt. Es war eine reiche Stadt und ihre Bewohner waren glückliche Menschen. Alle hatten Arbeit und verdienten gut, und sie hatten genug Zeit, um an warmen Sommerabenden auf der Promenade am Meer spazieren zu gehen und mit ihren Nachbarn in den schattigen Höfen der Häuser Feste zu feiern.
In dieser Stadt lebte - wie es sich für ein Märchen gehört - eine Prinzessin. Natürlich war sie keine echte Prinzessin, denn in dem großen Reich waren alle Menschen gleich und Prinzen und Prinzessinnen waren schon lange abgeschafft. Aber sie war sehr schön und hatte eine wunderbare Stimme und vielen jungen Männern erschien sie wie eine Prinzessin. Wenn sie mit ihren Freundinnen am Meer spazieren ging, gab es viele, die sie auf ein Eis oder eine Limonade einladen wollten. Aber sie lachte über alle. Einer war etwas schüchtern und so groß, dass er immer etwas ungeschickt wirkte, aber er war der geduldigste aller Verehrer der Prinzessin und immer da, wenn sie jemanden brauchte. Und schließlich merkte die Prinzessin, dass sie den jungen Mann auch liebte. Sie feierten eine große Hochzeit, zu der sie alle Freunde und Nachbarn einluden. Alle freuten sich mit ihnen, nur manche der Alten wiegten bedenklich die Köpfe. Denn viel Blut war schon geflossen zwischen dem Volk der Prinzessin und ihres Prinzen und die Alten trauten dem Frieden nicht. Aber die Prinzessin und der Prinz und ihre Freunde waren jung und sie lachten über die Alten, denn sie lebten ja nun in einer neuen Zeit und in einer glücklichen Stadt, in der alle gleich waren und friedlich zusammenlebten. Such die beiden lebten glücklich miteinander und bekamen zwei Kinder.
Dann zogen - fast unbemerkt von den Bewohnern der glücklichen Stadt - Wolken auf in den Bergen westlich von ihr. Und die Wolken begann auch die Sonne über der glücklichen Stadt zu verdunkeln und es wurde kälter, und je dunkler und kälter es wurde, desto mehr erinnerten sich die Bewohner auch an die alten Kämpfe zwischen dem Volk der Prinzessin und des Prinzen. Menschen aus dem Volk des Prinzen, die in der Stadt die Macht hatten, griffen in den Straßen Menschen aus dem Volk der Prinzessin an und bespuckten sie. Nachbarn und Freunde kamen nicht mehr zu Besuch bei der Prinzessin und dem Prinzen, denn sie hatten Angst, man würde sie für ihre Freundschaft entweder mit dem Prinzen oder der Prinzessin angreifen. Die Prinzessin verlor ihre Arbeit und auch der Prinz wurde arbeitslos, weil er sich nicht von ihr trennen wollte, denn er leibte sie wie am ersten Tag.
Das Geld wurde knapp. Am schlimmsten war, dass die ältere Tochter krank wurde. Es war schwer, Medizin zu bekommen, denn die Unruhen hatten auch das Zentrum des großen Reiches erfasst, und nur noch wenig Waren kamen in die Städte und Regionen fernab vom Zentrum. Außerdem weigerten sich manche Ärzte, ein Kind, dessen Mutter nicht aus ihrem Volk kam, zu behandeln. Schließlich starb das Mädchen. Kurz darauf eskalierte die Gewalt und das Volk des Prinzen ermordete in einer Nacht viele aus dem Volk der Prinzessin, die in der glücklichen Stadt gelebt hatten. Die Familie der Prinzessin floh wie viele andere über das von Winterstürmen gepeitschte Meer aus der Stadt. Sie selbst, ihre Tochter und der Prinz blieben. Sie wussten, dass sie als Familie weder bei seinem noch bei ihrem Volk willkommen sein würden. Und sie wollte ihren Prinzen so wenig verlassen wie er sie. Also bleiben sie und hielten eng zusammen und warteten voller Angst, dass sich die Wolken verziehen würden.
Tatsächlich wurde es nach einigen Jahren wieder wärmer. Die Sonne kehrte zurück und die Bewohner der früher glücklichen Stadt fingen langsam wieder an, das Leben zu genießen, ohne ihre Nachbarn zu verfolgen. Man begann zu vergessen, was passiert war, weil man es vergessen wollte. Allerdings gab es auch kaum noch Nachbarn, die nicht aus dem Volk des Prinzen waren. Die wenigen, die die Prinzessin aus glücklichen Tagen kannten, taten, als würden sie sich nicht erinnern, dass sie sie für einige Jahre verraten hatten.
Wenn sie heute an den Sommerabenden auf der Promenade am Meer spazieren gehen, erzählen sie wieder von der glücklichen Stadt und den glücklichen Menschen, die es einmal gegeben hatte. Oder vielleicht auch nicht.


(Nein, das ist keine Zukunftsvision für ein westliches Reich, das heute einen neuen Präsidenten bekommen hat. Es beschriebt vielmehr das - und ist für meine alte Nachbarin und ihre Familie.)

Dienstag, 10. Januar 2017

Das verschwundene Luhansk

Schon mal von Luhansk (bzw. in der russischen Form Lugansk) gehört? Die meisten, die ich kenne, nicken etwas zögerlich. Ganz sicher weiß ich nicht, ob sie wirklich vage von Luhansk gehört haben, oder nur nicht zugeben wollen, dass sie keine Ahnung haben. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Als 2014 der Krieg in der Ukraine begann, war Luhansk auch in den deutschen Medien. Die Industriestadt und der dazugehörige Bezirk im Osten der Ukraine wurde damals unter der Führung eines ehemaligen Generals und Geschäftsmanns unabhängig erklärt  - oder erklärte sich unabhängig? wollte/musste seine Unabhängigkeit erklären, das klappte aber nicht, weil niemand sie anerkannte? - Die Sprachregelungen und -einschränkungen der verschiedenen Gruppen waren in meinen Recherchen fast das interessanteste. Ob es der Weltgemeinschaft, der ukrainischen Regierung oder den Einwohnern nun gefällt, seit April 2014 existiert nun die Volksrepublik Luhansk, deren Paraden, Nationalhymne und Kriegsschäden, man auf youtube bewundern kann. Anerkannt ist sie dennoch nur von Süd-Ossetien, selbst die anderen üblichen Verdächtigen der nicht anerkannten Republiken wie Karabach oder Abchasien halten sich hier vornehm zurück. Offenbar wollen nicht einmal sie mit den massiven Menschenrechtsverletzungen, die aus Luhansk berichtet werden, zu tun haben. Da geht es um praktisch nicht vorhandene Presse- und Versammlungsfreiheit, um Verfolgung, ja sogar um Lynchmorde an Kritikern, um immer wieder gebrochene Waffenstillstände zwischen der Volksrepublik und der Ukraine, um Korruption und miserable medizinische Versorgung. Kein Wunder, dass viele ehemalige Einwohner von Luhansk jetzt im Westen der Ukraine leben.

Was aber habe ich mit Luhansk zu tun? Was niemand - weder inner- noch außerhalb der Ukraine - zu wissen scheint, ist, dass es in Luhansk zwischen der Revolutionen, also zwischen der Orangenen Revolution 2004 und den Maidan-Protesten 2013/14, eine lebendige Kunstszene gab, die eigene Wege zur zeitgenössischen Kunst suchte. Man sprach Russisch und Ukrainisch und viele erinnern sich, das es überhaupt die erste Zeit war, in der man sich eher als Ukrainer als als Russe fühlte und man den Blick auch nach Westen richtete und sich kritisch mit dem sowjetischen Erbe auseinandersetzte.

Ich traf diese Künstler, oder zumindest einige von ihnen, vor anderthalb Jahren in Ivano-Frankivsk, wohin einige von ihnen aus Luhansk geflohen waren. Andere lebten in anderen Städten der Westukraine, manche in Westeuropa und einige sogar in Russland, was sich für mich etwas so anfühlte, als hätten sie sich auf der Flucht in der Richtung geirrt. Aber so einfach sind die Grenzlinien und Identitäten eben nicht. Man kann sich als Ukrainer fühlen und nach Moskau gehen, oder in Odessa Russe sein. 
Ich wurde schließlich Teil eines Projektes, ein virtuelles Museum ihrer Kunst zu schaffen, das nun endlich online ist (hier). Abgesehen vom Logo, das für mich aussieht, als wäre man wieder in der Sowjetunion gelandet, (eine Assoziation, die alle Deutschen, aber keiner der ukrainischen Partner nachvollziehen konnten), finde ich die gesammelten Events und Objekte, die präsentierten Künstler und alternativen Orte sehr spannend. Was mir, der Stadtbegeisterten, fehlt, ist die Verbindung von (post-)sowejetischer Industriestadt und dem gezeigten künstlerischen Schaffen. Aber vielleicht gab es die eben auch nicht und gerade das war das Problem, als 2013/14 eben nur ein Teil der Bevölkerung von Luhansk sich den Maidan-Protesten anschloss?
Auf jeden Fall interessieren mich Meinungen zum Virtuellen Museum "Luhansk. Arts & und Facts" - und nicht nur, weil ich mir für 2017 generell vorgenommen habe, mehr Kontakte über den Blog zu knüpfen.

Sonntag, 1. Januar 2017

Und die rote Fahne wehte...

Ein langes Jahr zu Ende geht... Den Blog habe ich monatelang vernachlässigt, obwohl sogar noch einige halbgeschriebene Posts irgendwo gespeichert sind. Für das neue Jahr habe ich schon mal Besserung gelobt - auch wenn ich den Verdacht habe, dass gerade solche Beteuerungen mindestens der Anfang vom Ende, wenn nicht sogar das Ende vom Ende eines Blogs sind. Mal sehen, ob ich das Gegenteil beweisen kann.
Apropos Anfang und Ende: Heute vor 25 Jahren endete die Sowjetunion offiziell. Zumindest noch nach deutscher Zeit heute. In allen für das Ereignis relevanten Städten - und nach einer davon tickt immer noch die Uhr dieses Blogs - ist jetzt schon Neujahrstag. 
Da sich schon alle Unionsrepubliken (außer Russland, nehme ich mal an) in den Monaten vor dem 31.12.1991 unabhängig erklärt hatten, war das eigentlich nur noch eine Formalie. Die Union bestand ohnehin nicht mehr, wenn sie es denn überhaupt je wirklich hatte.

Ich habe die Entschuldigung, noch sehr jung gewesen zu sein, aber es erstaunt mich doch, wie wenig ich damals von diesem Riesenreich wusste - und wie wenig Gelegenheit, mehr zu lernen ich hatte, denn meine Lehrer wussten kaum mehr. Armenien war immerhin als das Land bekannt, in dem drei Jahre zuvor die Erde gebebt hatte, und von wo in diesem Zusammenhang vielleicht sogar die ersten weitgehend ungefilterten Berichte durch den Eisernen Vorhang gedrungen waren - im Gegensatz zu den Berichten aus Tschernobyl, was mit Moskau und St. Petersburg zu den bekannteren Orten gehörte - dass es nicht in Russland lag, hatten dagegen die wenigsten voll verstanden. Ebenso wie Eduard Schewardnadse, der letzte Außenminister der Sowjetunion, natürlich ein "russischer Politiker" war, wenn auch irgendwie kein Russe.
Aserbaidschan und Kirgistan waren vollkommen unbekannt und Turkmenistan hätte genauso gut eine verächtliche Bezeichnung für die Türkei sein können. 

Was hat sich heute geändert? Für viele sind die Länder, die aus der Sowjetunion hervorgingen, immer noch fremd. Für manche, die in diesen Ländern leben, ist das neue System immer noch fremd. Für andere erscheint es, als habe es nie eine Sowjetunion gegeben.
Vor 25 Jahren bestand die Hoffnung auf eine neue, friedliche Zeit, auf eine beginnende Kooperation zwischen Ost und West. Manche gingen soweit, das Ende der Geschichte auszurufen, denn wie sollte die große Erzählung noch weitergehen? Wir wissen, wie sie weiterging. Und heute - ganz konkret heute - erscheint die aktuelle Annäherung zwischen dem USA und Russland so gar nicht wie ein Garant für den Weltfrieden. Oder zumindest nicht für die letzten Einwohner von Aleppo.

In diesem Sinne ende ich nicht mit dem Majakowskigedicht, aus dem der Titel des Blogeintrags (leicht abgewandelt) kommt, auch wenn es - gesungen von Ernst Busch - zum Verständnis der Faszination des Kommunismus durchaus beitragen kann, sondern mit den Zeilen eines anderen, vom Kommunismus faszinierten Dichters:

Friede dem Roten Platze
und dem Lincoln-Monument!
Und dem Brandenburger Tore
und der Fahne, die drauf brennt!


Friede der Frau und dem Manne!
Friede dem Greis und dem Kind!
Friede der See und dem Lande!
Daß sie uns günstig sind.



(Bert Brecht sollte man nicht für Kitschpostkarten missbrauchen, aber das bietet sich schon irgendwie an)

Freitag, 29. Juli 2016

Heiße Zeiten

Es ist heiß. Ok, es wird besser, aber mir ist es zu heiß. Das war - neben sehr viel anderer Arbeit - tatsächlich einer der Gründe, warum ich auch nichts zum Putsch in der Türkei geschrieben habe. Abgesehen davon, dass ich auch keine Ahnung hatte, was ich sagen sollte. Von den Kollegen hören wir nichts, außer kurze Nachrichten, man wäre ok und würde abwarten. Suspendierung und Sommerferien scheinen da zusammen zu kommen. Ich habe die vage Hoffnung, dass Kemalisten mittlerweile als zu unwichtig gelten, um ernsthaft in Gefahr zu sein. Politisch auch eine beunruhigende Vorstellung, aber wenn es Freunden hilft, soll es mir recht sein. Gleichzeitig irritiert mich, wie viele, die all die Jahre geklagt haben, dass das Militär nicht wie gewohnt gegen Islamisten putscht, auf einmal den Militärputsch als undemokratisch verdammen. Geschichte ist Geschichte der Sieger, aber so auffällig muss es nun doch nicht sein, oder?
Während also in der Türkei mal wieder alle Stolz sind, Türken zu sein und mit türkischen Fahnen wahlweise mit Erdogan oder Atatürk über den Taksim ziehen, gehen in Armenien die allsommerlichen Proteste los. Nachdem in den letzten Jahren mal die Strompreise, mal die für den öffentlichen Nahverkehr oder die Pensionen Thema waren, ist es diesmal allgemeiner: Forderungen nach Rücktritt der Regierung werden laut. Sehr laut. Alles begann, als ein paar - Oppositionelle? ehemalige Karabachkämpfer? Sonstige Irre? vor bald zwei Wochen eine Polizeistation in Yerevan besetzten, einen höheren Polizisten töteten und die Anwesenden als Geiseln nahmen. Vor fast zwei Wochen. Seitdem sitzen sie da. Und fordern die Abdankung des Präsidenten. Ab und zu lassen sie Geiseln frei (inzwischen nach manchen Angaben fast alle). Die Unterstützung der Bevölkerung für die Tat ist enorm. Weniger wegen der erhobenen Forderungen (die kommen in den meisten Berichten gar nicht vor), sondern weil es eben Karabach-Veteranen sind. Die machen es schon richtig. Die Regierung scheint zu glauben, sie könne die ganze Sache aussitzen, wie sie es in den letzten Sommern mit allen Protesten getan hat. Nur das diesmal doch einiges an Waffen im Spiel zu sein scheint. 
Ich weiß, dass eine besetzte Polizeistation etwas anderes ist, als ein Putschversuch. Das armenische Militär ist ganz offensichtlich (noch) nicht beteiligt. Aber: Auf einmal jubelt die armenische Zivilgesellschaft - auch der kleine Teil, der sich bisher als pazifistisch bezeichnet hat - einer bewaffneten Gruppe (Ex-?)Soldaten zu, die die Besetzung von Polizeistationen als legitime Alternative zu Wahlen betrachten (ich vermeide bewusst das Wort "demokratisch" vor den "Wahlen" - das ist in Armenien noch nicht abschließend geklärt). Gleichzeitig verteidigen in der Türkei Menschen, die all die Jahre auf einen Putsch gewartet haben, die Ergebnisse der auch nicht zweifelsfreien Wahlen. 
Ich bin mal wieder etwas überfordert, das alles zu verstehen. Vermutlich ist es auch einfach überall zu heiß.

Donnerstag, 7. Juli 2016

Aserbaidschan, das Öl und Europa

Jetzt habe ich mich seit ungefähr drei Wochen gefragt, warum in diesem ansonsten kaum noch aufgerufenen Blog auf einmal dieser Artikel wieder so populär ist: Gehört Aserbaidschan zu Europa? Dann schickte mir eine Freundin eine SMS mit derselben Frage. Sie habe gerade Socar, die staatliche aserbaidschanische Ölfirma, als Sponsor der EM auf Werbebannern im Stadion entdeckt. Ok, das erklärt einiges. Ich sollte öfter Fußball gucken. 
Zur Frage kann ich immer noch nicht viel mehr beitragen als vor einem Jahr. Eine kurze Recherche zu Socar, Öl und Aserbaidschan (nicht dass ich sowas nicht schon öfter gemacht hätte) ergab, dass trotz niedrigen Ölpreises Aserbaidschan seine Förderung eher noch ausgebaut hat - logisch, irgendwo muss das Geld für die (europäische!) Formel 1 in Baku vor einigen Wochen, für die den Luxus der Oberschicht und eben die EM-Werbung auch herkommen. Nach uns die Sintflut. Und die könnte erstaunlich schnell kommen, denn auf den Statistiken mit den noch vorhandenen Ölressourcen kommt Aserbaidschan nicht mal unter die ersten 20. Socar übrigens auch nicht unter die ersten 20 ölfördernden Firmen, was darauf schließen lässt, dass nach wie vor Formen wie BP ebenfalls einen großen Teil des aserbaidschanischen Öls auf ihre Rechnung verkaufen.
Ich glaube ja, dass die Werbung mal wieder vor allem darauf abzielt, die Zugehörigkeit Aserbaidschans zu Europa zu demonstrieren und das Land überhaupt ins Bewusstsein zu rücken, denn der Slogan heißt ja "Energy of Azerbaijan", denn bisher gibt es noch nicht viele Socar-Tankstellen in Europa. (Obwohl - auch die Türkei und die Ukraine gehören laut Fußball-Logik zu Europa und die haben ganz sicher welche. Ich meine sogar, letztes Jahr in Polen welche gesehen zu haben. Aserbaidschan kommt näher.)

Samstag, 2. Juli 2016

Meer Stadt

Die britischen Zeitungen waren nach dem Brexit  voll mit Floskeln, die mir nicht nur sprachlich neu, sondern auch als Binnenländerin völlig unvertraut waren: Dass ein Lotse oder Steuermann von Bord geht, kenne ich gerade noch. Aber Premierminister, die das Schiff nur noch gerade halten, aber nicht mehr steuern können? Der Aufbruch in unbekannte Gewässer, für die man keine Karten hat, die aber möglicherweise große Entdeckungen und neue Größe versprechen, wenn man auf die Strudel achtet und die Anker klug setzt? Klarer Fall: Britannien war eine Seemacht, etwas, was ich zwar theoretisch wusste, aber nie so richtig realisiert habe. Grund, einen der wenigen Tage nach dem Workshop noch mit einem Ausflug in die Docklands zu verbringen. Als eines der weltweit bekanntesten Stadterneuerungsprojekte lohnt sich das sowieso mal und man kann es mit einem Themse-Schiff machen, muss sich also nicht mit Londoner U-Bahn rumschlagen (ehrlich: in all meinen üblichen Städten funktioniert der öffentliche Nahverkehr besser als in London. Zu einem Bruchteil des Preises. Vielleicht sind die wirklich nicht EU-fähig). 
Nachdem die Viertel östlich des Stadtzentrums jahrhundertelang mit ihren Docks und Handelskontoren das Geld für den Pracht der Innenstadt erwirtschaftet hatte, verfielen sie ab den 1960er Jahren, als die großen Hochseeschiffe nicht mehr so weit in die Themse hineinfahren konnten. Die ohnehin ärmlichen Viertel verfielen nun vollständig, bis sie in den 1980er Jahren in die Hände von Stadtplanern und Immobilienspekulanten fielen und ein völlig neues Viertel entstand. Geschäftsleute statt Seefahrer, Banken statt Kneipen und Bordellen. Wenn es noch Bewohner gab, dann sind sie heute ganz bestimmt nicht mehr hier.
Während die Isle of Dogs, auf der man zuerst landet, vollkommen neu angelegt wurde und nur aus den modernsten Hochhäusern (mehr oder weniger gelungen) besteht, besteht die Umgebung noch aus renovierten alten Speicherhäusern der unterschiedlichsten Größen mit Wohn- und Gewerbeflächen, Restaurants und Cafes. Informationen zu den hier früher ansässigen Docks und Handelshäusern gibt es auch, vor allem ist hier - in der Westindien-Ecke der Docklands von Rum und Zucker, manchmal von Stoffen die Rede. Das letzte Exportgut des berühmten Dreieckhandels wird nicht erwähnt: Sklaven. Das betraf ja die Docklands nicht, sondern spielte sich nur zwischen Afrika und Westindien ab? Oder mag der Kapitalismus drum herum keine Erwähnung seiner finanziellen Grundlagen? Von den möglichen Parallelen ganz zu schweigen? Die Geschichte der Docklands musste ich mir leider aus Reiseführern und dem Internet zusammensuchen, denn das viel gerühmte Museum war leider zu: Regenfälle, undichtes Dach, Stromausfall.In Kenntnis der Museen in Berlin-Dahlem kann ich leider nicht den ersten Stein werfen, aber trotzdem: Hätte man bei all der Renovierung da nicht auch besser arbeiten können?
Etwas weiter Themse abwärts liegt Greenwich, bekannt für dem Nullmeridian, der die Welt in eine östliche und eine westliche Hälfte teilt - auch eine Erfindung, die für die Eroberung der Weltmeere von größter Bedeutung war. Mich hat allerdings das imposante Royal Naval College am meisten beeindruckt - es passte gerade so gut in meiner Entdeckung von Großbritannien im Allgemeinen und seiner Seemacht im Besonderen. Dazu noch die Cutty Sark, der schnellste Teeklipper der Welt im späten 19. Jahrhundert, und meine maritime Begeisterung ist völlig gedeckt.
Ach ja: Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, sind mir nicht untergekommen. Dafür Briten, die irische Pässe beantragen.

(Bilder kommen noch. Aber wenn ich jetzt nicht auf "Abschicken" drücke, mach ich es nie. Und das wäre auch schade)