Freitag, 29. Juli 2016

Heiße Zeiten

Es ist heiß. Ok, es wird besser, aber mir ist es zu heiß. Das war - neben sehr viel anderer Arbeit - tatsächlich einer der Gründe, warum ich auch nichts zum Putsch in der Türkei geschrieben habe. Abgesehen davon, dass ich auch keine Ahnung hatte, was ich sagen sollte. Von den Kollegen hören wir nichts, außer kurze Nachrichten, man wäre ok und würde abwarten. Suspendierung und Sommerferien scheinen da zusammen zu kommen. Ich habe die vage Hoffnung, dass Kemalisten mittlerweile als zu unwichtig gelten, um ernsthaft in Gefahr zu sein. Politisch auch eine beunruhigende Vorstellung, aber wenn es Freunden hilft, soll es mir recht sein. Gleichzeitig irritiert mich, wie viele, die all die Jahre geklagt haben, dass das Militär nicht wie gewohnt gegen Islamisten putscht, auf einmal den Militärputsch als undemokratisch verdammen. Geschichte ist Geschichte der Sieger, aber so auffällig muss es nun doch nicht sein, oder?
Während also in der Türkei mal wieder alle Stolz sind, Türken zu sein und mit türkischen Fahnen wahlweise mit Erdogan oder Atatürk über den Taksim ziehen, gehen in Armenien die allsommerlichen Proteste los. Nachdem in den letzten Jahren mal die Strompreise, mal die für den öffentlichen Nahverkehr oder die Pensionen Thema waren, ist es diesmal allgemeiner: Forderungen nach Rücktritt der Regierung werden laut. Sehr laut. Alles begann, als ein paar - Oppositionelle? ehemalige Karabachkämpfer? Sonstige Irre? vor bald zwei Wochen eine Polizeistation in Yerevan besetzten, einen höheren Polizisten töteten und die Anwesenden als Geiseln nahmen. Vor fast zwei Wochen. Seitdem sitzen sie da. Und fordern die Abdankung des Präsidenten. Ab und zu lassen sie Geiseln frei (inzwischen nach manchen Angaben fast alle). Die Unterstützung der Bevölkerung für die Tat ist enorm. Weniger wegen der erhobenen Forderungen (die kommen in den meisten Berichten gar nicht vor), sondern weil es eben Karabach-Veteranen sind. Die machen es schon richtig. Die Regierung scheint zu glauben, sie könne die ganze Sache aussitzen, wie sie es in den letzten Sommern mit allen Protesten getan hat. Nur das diesmal doch einiges an Waffen im Spiel zu sein scheint. 
Ich weiß, dass eine besetzte Polizeistation etwas anderes ist, als ein Putschversuch. Das armenische Militär ist ganz offensichtlich (noch) nicht beteiligt. Aber: Auf einmal jubelt die armenische Zivilgesellschaft - auch der kleine Teil, der sich bisher als pazifistisch bezeichnet hat - einer bewaffneten Gruppe (Ex-?)Soldaten zu, die die Besetzung von Polizeistationen als legitime Alternative zu Wahlen betrachten (ich vermeide bewusst das Wort "demokratisch" vor den "Wahlen" - das ist in Armenien noch nicht abschließend geklärt). Gleichzeitig verteidigen in der Türkei Menschen, die all die Jahre auf einen Putsch gewartet haben, die Ergebnisse der auch nicht zweifelsfreien Wahlen. 
Ich bin mal wieder etwas überfordert, das alles zu verstehen. Vermutlich ist es auch einfach überall zu heiß.

Donnerstag, 7. Juli 2016

Aserbaidschan, das Öl und Europa

Jetzt habe ich mich seit ungefähr drei Wochen gefragt, warum in diesem ansonsten kaum noch aufgerufenen Blog auf einmal dieser Artikel wieder so populär ist: Gehört Aserbaidschan zu Europa? Dann schickte mir eine Freundin eine SMS mit derselben Frage. Sie habe gerade Socar, die staatliche aserbaidschanische Ölfirma, als Sponsor der EM auf Werbebannern im Stadion entdeckt. Ok, das erklärt einiges. Ich sollte öfter Fußball gucken. 
Zur Frage kann ich immer noch nicht viel mehr beitragen als vor einem Jahr. Eine kurze Recherche zu Socar, Öl und Aserbaidschan (nicht dass ich sowas nicht schon öfter gemacht hätte) ergab, dass trotz niedrigen Ölpreises Aserbaidschan seine Förderung eher noch ausgebaut hat - logisch, irgendwo muss das Geld für die (europäische!) Formel 1 in Baku vor einigen Wochen, für die den Luxus der Oberschicht und eben die EM-Werbung auch herkommen. Nach uns die Sintflut. Und die könnte erstaunlich schnell kommen, denn auf den Statistiken mit den noch vorhandenen Ölressourcen kommt Aserbaidschan nicht mal unter die ersten 20. Socar übrigens auch nicht unter die ersten 20 ölfördernden Firmen, was darauf schließen lässt, dass nach wie vor Formen wie BP ebenfalls einen großen Teil des aserbaidschanischen Öls auf ihre Rechnung verkaufen.
Ich glaube ja, dass die Werbung mal wieder vor allem darauf abzielt, die Zugehörigkeit Aserbaidschans zu Europa zu demonstrieren und das Land überhaupt ins Bewusstsein zu rücken, denn der Slogan heißt ja "Energy of Azerbaijan", denn bisher gibt es noch nicht viele Socar-Tankstellen in Europa. (Obwohl - auch die Türkei und die Ukraine gehören laut Fußball-Logik zu Europa und die haben ganz sicher welche. Ich meine sogar, letztes Jahr in Polen welche gesehen zu haben. Aserbaidschan kommt näher.)

Samstag, 2. Juli 2016

Meer Stadt

Die britischen Zeitungen waren nach dem Brexit  voll mit Floskeln, die mir nicht nur sprachlich neu, sondern auch als Binnenländerin völlig unvertraut waren: Dass ein Lotse oder Steuermann von Bord geht, kenne ich gerade noch. Aber Premierminister, die das Schiff nur noch gerade halten, aber nicht mehr steuern können? Der Aufbruch in unbekannte Gewässer, für die man keine Karten hat, die aber möglicherweise große Entdeckungen und neue Größe versprechen, wenn man auf die Strudel achtet und die Anker klug setzt? Klarer Fall: Britannien war eine Seemacht, etwas, was ich zwar theoretisch wusste, aber nie so richtig realisiert habe. Grund, einen der wenigen Tage nach dem Workshop noch mit einem Ausflug in die Docklands zu verbringen. Als eines der weltweit bekanntesten Stadterneuerungsprojekte lohnt sich das sowieso mal und man kann es mit einem Themse-Schiff machen, muss sich also nicht mit Londoner U-Bahn rumschlagen (ehrlich: in all meinen üblichen Städten funktioniert der öffentliche Nahverkehr besser als in London. Zu einem Bruchteil des Preises. Vielleicht sind die wirklich nicht EU-fähig). 
Nachdem die Viertel östlich des Stadtzentrums jahrhundertelang mit ihren Docks und Handelskontoren das Geld für den Pracht der Innenstadt erwirtschaftet hatte, verfielen sie ab den 1960er Jahren, als die großen Hochseeschiffe nicht mehr so weit in die Themse hineinfahren konnten. Die ohnehin ärmlichen Viertel verfielen nun vollständig, bis sie in den 1980er Jahren in die Hände von Stadtplanern und Immobilienspekulanten fielen und ein völlig neues Viertel entstand. Geschäftsleute statt Seefahrer, Banken statt Kneipen und Bordellen. Wenn es noch Bewohner gab, dann sind sie heute ganz bestimmt nicht mehr hier.
Während die Isle of Dogs, auf der man zuerst landet, vollkommen neu angelegt wurde und nur aus den modernsten Hochhäusern (mehr oder weniger gelungen) besteht, besteht die Umgebung noch aus renovierten alten Speicherhäusern der unterschiedlichsten Größen mit Wohn- und Gewerbeflächen, Restaurants und Cafes. Informationen zu den hier früher ansässigen Docks und Handelshäusern gibt es auch, vor allem ist hier - in der Westindien-Ecke der Docklands von Rum und Zucker, manchmal von Stoffen die Rede. Das letzte Exportgut des berühmten Dreieckhandels wird nicht erwähnt: Sklaven. Das betraf ja die Docklands nicht, sondern spielte sich nur zwischen Afrika und Westindien ab? Oder mag der Kapitalismus drum herum keine Erwähnung seiner finanziellen Grundlagen? Von den möglichen Parallelen ganz zu schweigen? Die Geschichte der Docklands musste ich mir leider aus Reiseführern und dem Internet zusammensuchen, denn das viel gerühmte Museum war leider zu: Regenfälle, undichtes Dach, Stromausfall.In Kenntnis der Museen in Berlin-Dahlem kann ich leider nicht den ersten Stein werfen, aber trotzdem: Hätte man bei all der Renovierung da nicht auch besser arbeiten können?
Etwas weiter Themse abwärts liegt Greenwich, bekannt für dem Nullmeridian, der die Welt in eine östliche und eine westliche Hälfte teilt - auch eine Erfindung, die für die Eroberung der Weltmeere von größter Bedeutung war. Mich hat allerdings das imposante Royal Naval College am meisten beeindruckt - es passte gerade so gut in meiner Entdeckung von Großbritannien im Allgemeinen und seiner Seemacht im Besonderen. Dazu noch die Cutty Sark, der schnellste Teeklipper der Welt im späten 19. Jahrhundert, und meine maritime Begeisterung ist völlig gedeckt.
Ach ja: Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, sind mir nicht untergekommen. Dafür Briten, die irische Pässe beantragen.

(Bilder kommen noch. Aber wenn ich jetzt nicht auf "Abschicken" drücke, mach ich es nie. Und das wäre auch schade)

Sonntag, 26. Juni 2016

Normale Zeiten und neue Konflikte

Ich hatte mich schon gefragt, ob die britischen Kollegen keine andere Wahl hatten, oder ob sie eine besonderen Sinn für Humor haben, als sie den Workshop zu "Normale Zeiten und ihre Konflikte (im Südkaukasus)" auf den Tag nach der Brexit-Abstimmung legten. Am Abend zuvor konnte sie über die Frage auch noch lachen. Angespannt zwar, aber doch in der Sicherheit, dass man zwar noch einen langen Weg vor sich haben würde, um all die EU-Gegner im Land zu versöhnen, aber doch auch sicher, dass man dennoch bleiben würde. Am nächsten Morgen war ihnen der Sinn für Humor vergangen. Uns anderen auch.
Immer wieder zog ein seltsames Schweigen, ein sich halb lachend, halb verzweifelt ansehen, durch den Raum, wenn es um Konflikte zwischen den Generationen in Aserbaidschan und Armenien ging, um Politikverdrossenheit und Verzweifeln an der Demokratie und ihren Möglichkeiten, um Kapitalismus und die Grenzen des Sozialstaats und nicht zuletzt immer wieder um das Gefühl, dass etwas, was man für sicher und selbstverständlich gehalten hat, auf einmal verschwindet und etwas Neues kommt, das man nie für möglich gehalten hat - oder nicht für möglich halten wollte. Was wenn das Ende der Sowjetunion und das Erstarken des Nationalismus in der Region nicht nur ein akademisches Thema ist, das man nach Osten abschieben kann, sondern schon der Vorbote von etwas war, was jetzt auch die EU gefährdet? Nein, natürlich kann man die Sowjetunion und die EU nicht vergleichen. Aber die Dynamiken, die sich entwickeln, wenn eine politische Situation, von der letztendlich doch sowohl Befürworter als auch Kritiker ausgingen, dass sie allenfalls verändert wird, nicht aber sich in Luft auflöst, genau das tut? Was tritt dann an die Stelle? Und wer profitiert davon? In welcher Weise? Wir versuchen immer noch zu verstehen, was seit fünfundzwanzig Jahren im Südkaukasus passiert. Wir haben keine Ahnung, was gerade vor unserer Haustür passiert. 

Dienstag, 21. Juni 2016

Ich nenne es Arbeit



... wenn auch mit schlechtem Gewissen. Denn tatsächlich habe ich die letzte Woche ziemlich viel Zeit am Strand verbracht. Mit Kollegen, die gerne Autofahren und Leihwagen mieten habe ich noch mal ganz neue Gegenden um Selcuk herum erkunden können. Dabei ist das nicht ganz fair, tatsächlich kommt man auch mit dem Dolmus in den Dilek Nationalpark kurz hinter Kusadasi, ich habe es nur einfach noch nie probiert. Sollte man aber, schon wegen der beeindruckenden Höhle des Zeus am Eingang. Über rutschige Steine geht es tief herunter und dann steht man vor einem unterirdischen See, der sich in den Tiefen einer großen Höhle verläuft und dabei in den verschiedensten Blautönen schimmert. Trotz der Wassertiefe von über zehn Metern kann man bis auf den Grund sehen. (Behaupten die, die drin geschwommen sind. Ich hatte kein Badezeug, aber ich dachte ja auch, ich würde auf Dienstreise fahren.) Was die Höhle nun mit Zeus zu tun hat, weiß ich nicht. Aber auch der Göttervater soll schon darin geschwommen sein.




Der Nationalpark selbst soll unzählige Tierarten beherbergen, von denen die meisten aber Abstand zu den Besuchern halten. Mit Ausnahme der Wildschweine, die praktisch überall sind und sich auf jeden Picknickrest stürzen. Als Schweine sind sie durch den Koran auch außerhalb eines Nationalparks vor Jägern geschützt.




Als wir am Strand entlang laufen piepen unsere Handys auf einmal gleichzeitig und melden, dass wir uns in der EU befinden - die griechische Insel Samos ist nur fünfhundert Meter entfernt. Wie viele Flüchtlingsboote haben den Nationalpark wohl in den letzten Monaten verlassen? Oder kontrolliert die Küstenwache die Meerenge hier schon immer? Flüchtlingslager auf Samos haben es bisher noch weniger ins Bewusstsein geschafft als die auf Lesbos.

Ansonsten: Der Katalog zu den Filzprodukten der Region und ihrer Weiterentwicklung durch deutsche, türkische und usbekische Designstudierende ist (fast) fertig und ich bin außerdem stolze Besitzerin eines Filzteppichs in traditionellem Stil. Echt schön und ich weiß wirklich nicht, warum die Mitarbeiter am Flughafen Izmir es so wahnsinnig komisch fanden, dass jemand einen Filzteppich mit nach hause nimmt. An der Vermarktung der Produkte und dem Respekt vor ihnen müssen wir wirklich noch arbeiten.

Mittwoch, 15. Juni 2016

Izmir Notizen

Zwei kurze Tage in Izmir, die wegen der Hitze fast schon zu viel waren. Die beste Lösung war noch Schiffchenfahren auf der Meerenge, an der Izmir liegt. Nicht der Bosporus, aber um etwas frischen Wind zu bekommen langte es. Und um festzustellen, dass die Stadt trotz ihrer Lage schon beunruhigend hässlich ist. Ich war auf der Recherche nach Städten mit multiethnischer Vergangenheit, die heute aber ethnisch und religiöse sehr einheitlich sind, auf das Izmir des 19. Jahrhunderts gestoßen und habe dabei auch ein paar schöne Bilder der damaligen Hafenpromenade gefunden. Davon ist nach der Zerstörung der Stadt durch die türkisch-republikanischen Truppen am 9. September 1922 nichts mehr zu sehen. Damals fielen große Teile der Stadt (und im übrigen auch ihrer christlich-griechisch-armenischen Einwohner) einem Großbrand zum Opfer.
Der 9. September wurde in der Türkei lange als Feiertag, als einer der entscheidenden Siege auf dem Weg zur Unabhängigkeit und zur neuen türkischen Republik, gefeiert. Die verbesserten Beziehungen zu Griechenland haben die Feierlichkeiten in den letzten Jahren leiser werden lassen, aber in Izmir ist immer noch viel nach dem entscheidenden Datum benannt - unter anderem ein Eingang zu dem Kultur- und Messepark, der auf einem der zerstörten Innenstadtviertel angelegt wurde.

Das dritte von links oben ist ein typisches Bild des alten Smyrna.
Nicht gut zu erkennen, aber dafür wieder mal meine Lieblingsquelle:
Bauzaun.

Nein, schöner ist es wirklich nicht geworden
  
Außerdem habe ich die Entdeckung gemacht, dass die Basare von Izmir am Sonntag völlig tot sind. Kein Geschäft und kaum ein Restaurant waren offen. Das kenne ich aus Istanbul so nicht. Erst dachte ich, der Ramadan habe doch zugeschlagen, aber da am Montag das Leben normal weiterging, kann es das nicht gewesen sein. Sonntagsruhe in einer türkischen Großstadt? Sollte doch etwas dran sein, an dem, was mir die beiden Kolleginnen aus der Region erzählt haben, dass sie nämlich eigentlich Griechen wären? Wobei "Griechen" hier heißt. dass ihre (Ur-)Großeltern Türken waren, die aus 1922 im Rahmen des Bevölkerungsaustauschs (netter Euphemismus für die Deportationen der Griechen aus der Türkei und der Türken aus Griechenland) in die ehemaligen griechischen Gebiete gebracht wurden. Diese "Griechen" scheinen eine besondere Begeisterung für Atatürk zu haben, was angesichts der Tatsache, dass er maßgeblich an ihrer Vertreibung aus ihren jahrhundertelang bewohnten Dörfern beteiligt war, schon etwas erstaunlich ist. In Izmir merkt man die Vergangenheit als nicht-muslimische Stadt schon deutlich: Es gibt verhältnismäßig wenig Moscheen (allerdings auch keine deutlichen Kirchen mehr) und der Ramadan wird offensichtlich weitgehend ignoriert. Ich sehe kaum Plakate, die einen schönen Ramadan wünschen, keine Ankündigungen von öffentlichen Festen zum Fastenbrechen, keine langen Tische in den Straßen oder an der Promenade, wo Menschen nach Sonnenuntergang zusammen feiern. Schon ein sehr anderes Bild als vor zwei Jahren in Istanbul, wo man den Feiern nicht entgehen konnte. Nur ein paar Familien in deutlich dörflicher Tracht picknicken in der Dämmerung auf den Rasenflächen am Meer.
Arabisch höre ich wesentlich seltener als noch im Herbst und auch die Zahl der bettelnden Flüchtlingsfamilien hat sich sichtlich reduziert. Zufall? Oder doch die Auswirkungen des Flüchtlingsabkommens? Und wo sind die Menschen dann? In Deutschland schon mal nicht, denn die paar, die jetzt legal kommen, sind ja schon lächerlich wenig.

Sonntag, 12. Juni 2016

Vertrautes und Neues

Ich liebe es ja, an Orte zurück zu kommen, die mittlerweile vertraut geworden sind. Je nach Ort mehr oder weniger, natürlich. Nach Şirince komme ich immer gerne zurück. Diesmal wohl zum letzten Mal und der Abschied sowohl von dem Bergdorf oberhalb von Ephesos fällt mir ebenso schwer wie von den Kollegen, mit denen ich hier in den letzten fünfzehn Monaten immer wieder gearbeitet habe.
Mall mit Artemistempel. Noch nimmt zumindest das Monster
noch niemandem die Kunden weg, denn es ist eine Baustelle.
Deshalb kam ich auch nicht näher ran. Aber das WC-Schild
ist auch schon mal spitze.

Das Problem ist, dass es wenig Neues gibt, über das ich hier bloggen könnte. Über die griechischen Verweise - sei es auf antike Götter oder byzantinische Heilige, habe ich schon geschrieben. Auch die Probleme des Tourismus haben sich nicht verändert, es werden immer weniger, vor allem Individualreisende. Vermutlich noch weniger durch die Anschläge in Istanbul - wieder sahen wir in der Idylle im Fernsehen die Trauerzüge, aber diesmal scheint alles schon Routine zu sein, der große Schrecken, den Ankara im Herbst hinterlassen hat, ist einem resignierten Achselzucken gewichen.
Kreuzfahrtschiffe spucken natürlich immer noch tausende nach Ephesos und ein Teil kommt auch in Şirince an, aber Händler und Pensionsbesitzer klagen dennoch - unsere Studierenden, die Befragungen durchführen sollten, im Übrigen auch. Letztendlich hatten wir dann aber doch ein schönes Bild von dem, was Touristen an Filzprodukten kaufen würden, bekommen. Dazu vielleicht später mehr, wenn alle Ergebnisse da sind.


Eine neue Entdeckung habe ich in Şirince dann doch gemacht, besser gesagt, die Kollegen haben sie gemacht: Den Wunderheiler. Schon seit dem letzten Mal schwärmt eine Kollegin von dem Mann, der offensichtlich Wunder verbringen kann Hände auflegt und heilende Steine verkauft. Vor allem Rücken- und Nackenprobleme sowie Migräne sind sein Spezialgebiet. Ich war skeptisch. Natürlich war ich skeptisch, aber die ethnologische Neugier war stärker. Der Laden mit tausenden von Schmucksteinen in den verschiedensten Formen von naturbelassen bis zu ausgefeiltem Schmuck, war auf jeden Fall schon mal beeindruckend und tatsächlich anders als die anderen gefühlten tausend Andenkenläden in Şirince, in denen einfach alles von Seife über Steine zu Ledertaschen verkauft wird. Auch der Heiler war sympathisch. Er trat völlig bodenständig auf, musste sich erstmal einen Kaffee machen, weil wir seinen Mittagsschlaf gestört hatten, und massierte dann völlig professionell den Nacken einer Kollegen, die mit Kopfschmerzen kämpft. Meine geprellte Schulter behandelte er mit ein paar Gymnastikübungen und einem kalten Tuch. Fast war ich schon enttäuscht, offensichtlich doch nur bei einem guten Krankengymnasten gelandet zu sein. Dann packte er für ein Hautproblem meiner Kollegin eine Mischung aus fast fünfzig winzigen Steinen in einer rosa Plastikflasche mit Sprühkopf zusammen und erklärte, sie solle sie mit Wasser füllen, dass Wasser eine Stunde ziehen lassen und dann regelmäßig auf die betroffenen Stellen sprühen. In drei Monaten wäre sie geheilt. Wir sind gespannt und ich hatte wenigstens noch etwas Klischee-Esoterik.

Übrigens, wer den Heiler sucht, findet ihn unten an dem kleinen Marktplatz, ganz am Ende der Einkaufsstraße von Şirince. Besser kann ich es nicht erklären. Aber man kann auch nach dem "Heiler mit den Steinen" fragen. Meistens wissen die anderen Händler Bescheid.