Sonntag, 22. Oktober 2017

Ein Jahr Reisebaby...

...und eigentlich müsste hier wohl sowas stehen wie "Mein ganzes Leben hat sich vollkommen verändert", "Ich hätte mir nie vorstellen können, wie mein Leben mit Baby aussieht." Zumindest war es das, was mir alle prophezeit haben: vom immer wieder gehörten "unendlich anstrengend" bis zum Satz meines Nachbarn "Wie sehen uns ja jetzt sicher öfter, du kannst ja jetzt nicht mehr so viel unterwegs sein." Ich hatte nicht das Herz im zu sagen, dass ich gerade mit der sechs Wochen alten im Tuch das Haus verließ, um einen Reisepass für das Kind zu beantragen. Die damals geplante Reise hat zwar nicht stattgefunden, weil jemand anderes meinte, ich könne mit Kind ja nicht reisen, aber dafür haben sich anderer ergeben.
Ganz ehrlich: SO dramatisch fand ich die Veränderungen gar nicht. Ja, Reisen mit Kind ist anstrengender als ohne. Aber das gilt auch für den Durchschnittsnachmittag zu hause - von einem ruhigen Morgen mit Kaffee und Buch ganz zu schweigen. Im Gegensatz zu letzterem ist Reisen immerhin noch möglich. Da ich nie durch Länder gerast bin und immer Zeit für Pausen an schönen Orten hatte, hat sich mein Reisestil nicht mal so verändert. Ich bin geübt darin geworden, an den unmöglichsten Orten zu wickeln und denke (fast immer) an irgendetwas, was sich auch schon vom Reisebaby gut aus der Hand essen lässt. Und das wurde über die letzten Monate zum Glück immer mehr. Die Bewegungsfreiheit hier ist etwas eingeschränkt, aber das liegt am absolut kinderfeindlichen öffentlichen Nahverkehr (Bus, Minibus, U-Bahn), in dem man eben keinen Kinderwagen mitnehmen kann und der auch ohne Kind auf dem Arm schon nervig ist. Taxi geht, aber immer Schale anschnallen, Kinderwagen zusammenklappen, verladen, Schale abschnallen, Kinderwagen ausladen, zusammensetzen... bäh. Das überlege ich mir zweimal. Vermutlich werden wir mehr Ausflüge ins Umland machen als in der Stadt unterwegs sein. Das lohnt sich dann wenigstens.
Auch mit der Ruhe an den schönen Orten eben schwieriger geworden ist (wie eben auch auf der eigenen Couch). Aber dafür nehme ich mir wieder mehr Zeit für Bäume und Büsche, Steine und Pfützen - kurz für all das, wovon andere Eltern auch schwärmen und wofür man nicht reisen muss. Aber auch wenn es für ein Kind egal ist, wo die Pfütze ist - ich finde es schön, wenn sie nicht immer an der selben Straßenecke ist. Ich weiß trotzdem nicht, ob ich bei meinem Leben überhaupt von Reisen sprechen  kann, oder ob es nur ein langsames Umziehen mit vielen Ausflügen ist. Der Lebensmittelpunkt wird auf unbestimmte Zeit in Armenien sein und für den Augenblick passt diese - zumindest für mein Empfinden - unabenteuerliche Umgebung auch.
Den ersten Geburtstag haben wir nun teils am Sevansee (dazu noch mal extra), teils in Yerevan gefeiert. Das Reisebaby hat ganz tapfer eine längere Strecke bergauf an der Hand zurückgelegt (an der Hand nicht, weil es die Unterstützung nötig gehabt hätte - o nein, sondern weil die blöde Mama verhindern wollte, dass es auf die Straße läuft.), am See mit Steinen gespielt und einen Spielplatz erkundet. Der Spielplatzmangel in Yerevan gehört zu den größten Nachteilen der Stadt. Zwar stehen in vielen der Höfe (auch in unserem) ein paar Plastiktürme  und -rutschen, aber sie werden vor allem von Jugendlichen und Männern allen Alters als Treffpunkte genutzt. Als Mutter bin ich zwar aus dem schlimmsten Beuteschema raus, aber Spaß macht ein solcher Spielplatzbesuch dann doch nicht.
Auf jeden Fall freue ich mich auf viele weitere, kleinere und größere Reisen mit meiner kleinen Reisegefährtin, die jetzt ja ganz offiziell kein ReiseBABY mehr ist, sondern ein Reisekleinkind. Da das aber bescheuert klingt, muss ein neues Pseudonym her. Irgendwelche Ideen?

Dienstag, 17. Oktober 2017

Klöster und Steine (und ein bisschen Wein)

... das ist Armenien in Kurzfassung. Und für das letzte Wochenende gilt das auch. Wir haben es trotz der bisweilen ziemlich schlechten Laune das Reisebabys geschafft, recht erholsame Tage auf dem Land zu verbringen, ich habe mich durch zwei lokale Weinfabriken probiert (also zwei Schluck von zwei Rot- und einen Weißwein und ein Obstwein jeweils -nicht dass das hier nach Vollsuff klingt!), und wir haben zwei der am schönsten gelegenen armenischen Klöster besucht - und das will was heißen, denn imposante Lagen haben die Klöster in diesem Gebirgsland eigentlich alle. Aber Noravank bei Areni mit seiner versteckten Lage über einer tiefen Schlucht und Khor Virap am Fuß des Ararat sind schon besonders. Nur auf die berühmte Weinhöhle, wo der Beweis gezeigt werden soll, dass in Armenien seit 6000 Jahren Wein angebaut wird, habe ich verzichtet. Sie liegt hoch am Berg und das Reisebaby darauf schleppen, wollte ich dann doch nicht. Das mag übrigens Klöster: Getragen werden, weil mit Wagen zu schwierig, Steinchensammeln und ganz viel Aufmerksamkeit und Süßigkeiten von Mönchen und Touristen (wir teilen da noch gerecht: Aufmerksamkeit und Segen fürs Kind, Süßigkeiten für mich).
Wichtiger aber als die Sehenswürdigkeiten aber war es für mich, mal wieder richtig ins Land hinein zu kommen, um zu merken, was ich hier eigentlich mache: In Yerevan mit seinen Geschäften aller denkbaren Marken, seinen Cafés und den für mich immer wieder erstaunlich vielen Touristen ist es leicht, die Armut im Land zu vergessen. Nach unserem Wochenendausflug kann ich sagen, dass das Stadt-Land-Gefälle wahnsinnig groß ist, größer als in den beiden anderen südkaukasischen Staaten. Viel größer. Wenn das Weindorf Areni zu den Zentren des Tourismus in Armenien gehört, ist die Bilanz ernüchternd: Ein paar Bed&Breakfast, noch im Bau, zwei geschlossene Cafés, die vermutlich nur für Gruppen oder beim Weinfest vor einer Woche offen waren, ansonsten Hühner, Truthähne, Hunde, Kühe auf den Straßen, auf denen alte Sowjetautos entlang tuckern: Den Unterschied zu Yerevan, wo man eher von Luxusmodellen überfahren wird, die man sich in Deutschland nicht vorstellen kann, hatte ich so nicht erwartet. Und wenn man eben bedenkt, dass die Region noch relativ nah am Zentrum liegt, fruchtbar ist, eine ganze Reihe großer Weinkeltereien hat und durchaus touristisch erschlossen ist, muss es in anderen Regionen noch wesentlich schlimmer sein. Von dem Aufschwung seit 1999, der mich in der Stadt immer wieder beeindruckt, ist auf dem Land kaum etwas angekommen. Faszinierend-exotisch für Ausländer, deprimierend für alle, die dort von mehr träumen. Dazu der massive Abfall des Bildungsniveaus: Russisch wird immer weniger gelehrt, die Unterhaltungen mit Englischlehrerinnen, die mal die Sprache ausprobieren wollen, sind ebenso sinn- wie hoffnungslos und die Deutschkenntnisse, für die die Gegend mal berühmt war (irgendjemand hat in der sowjetischen Planung beschlossen, dass der Süden Armeniens Deutsch lernt. Punkt.), sind schlechter, je jünger der Sprechende ist. Und mit der Weltsprache Armenisch ist der Anschluss an die Welt eben begrenzt.

Verändert haben sich die Klöster. Wo 1999 noch mehr oder weniger Müllhalden und Baugerüste waren, strahlt jetzt neuer Glanz und irgendwo singt immer ein Mönch. Hier ist unendlich viel Geld in Renovierungen geflossen, hier gibt es eine touristische Infrastruktur und Riesenautos von reichen Armeniern füllen die Parkplätze. Die Kirche hat ganz offensichtlich Geld und weiß es sich bei der Diaspora zu beschaffen. (Das macht den Punkt „Was ich hier eigentlich mache“ schon wieder schwieriger, denn ich bin ja bei einer kirchlichen Organisation – für Klosterrenovierung reicht es, für die Grundbedürfnisse der Bevölkerung nicht. Mag sein, dass der Mensch nicht nur von Brot allein lebt, aber nur Weihrauch bringts halt auch nicht.
(Fotos kommen auch noch. Irgendwann.)

Freitag, 13. Oktober 2017

12 von 12 - am 13.

Einer meiner Vorsätze für den Blog war es, mich mal an einer dieser gemeinsamen Blogaktionen zu einem Thema zu beteiligen. 12 von 12, also die von 'Draußen nur Kännchen' verlangten zwölf Bilder vom 12. des Monats schien mir da am einfachsten. Dass ich dabei weder meine schlechte Handykamera noch eine ewig langsame Internetverbindung in einem armenischen Dorf einkalkuliert habe, ist ein weiterer Beweis, dass ich vor lauter Müdigkeit wohl doch noch nicht ganz angekommen bin. Aber jetzt sind hoffentlich alle Bilder da und nicht schön, aber wirklich selten.
Morgens als erstes die Pässe vom Reisebaby und mir mit den beglaubigten Übersetzungen beim Übersetzungsbüro/Notariat abgeholt. Dass der Übersetzer kein Wort einer anderen Sprache als Armenisch spricht, beunruhigt mich zwar etwas, aber es geht ja um den Schein. Und den habe ich jetzt.
Für Armenisch-Könner habe bin ich jetzt nicht mehr anonym. Na, das riskiere ich dann jetzt mal.
Danach schnell zu Russisch, wo es zum Glück nicht nur Grammatik, sondern auch armenischen Kaffee und Konfekt gibt, ich habe nämlich mal wieder vergessen zu frühstücken. Falls sich jemand wundert, warum ich lieber mein Russisch noch weiter verbessere als Armenisch zu lernen: Bild 1 sagt doch genug, oder? Und ehrlich: Mein Russisch kann es auch brauchen.




Um nicht gleich vom Essen zum nächsten Essen zu kommen, schiebe ich ein Bild ein, dass auf dem Rückweg vor dem Nationalmuseum entstanden ist. Soldaten sind ein üblicher Anblick in Yerevan, aber dieser Museumsausflug war schon ungewöhnlich. Gut getarnt sind die Jungs ja. (Ton in Ton, Bild 1)



Eines der besten Dinge, dass ich über meine neue Wohnung sagen kann, ist, dass der beste Crêpestand Yerevans keine fünf Minuten zu Fuß entfernt ist. Ich kenne ihn seit 2011, als er - glaube ich - auch der einzige war, aber er ist immer noch super. Ich nehme zwei zum Mittagsimbiss mit.



Zuhause hat die gerade angekommene Oma sich nützlich gemacht und den Hochstuhl aufgebaut. Perfekt, da kann das Reisebaby gleich mit Crêpe essen.


Dann Aufbruch nach Areni. Ich bin bei meinen Yerevan-Aufenthalten in den letzten Jahren ja nie aus der Stadt rausgekommen und jetzt habe ich endlich mal die Gelegenheit auch mit Kind rauszukommen. Das Reisebaby ist wenig begeistert und meckert und brüllt fast zwanzig Minuten, bis es endlich in den Mittagsschlaf findet. Danach traue ich mich nicht mehr, den Fahrer an einem Obststände an der Straße halten zu lassen, um einzukaufen. Also nur ein Bild aus dem Autofenster.

 

Dafür noch das Modegeschäft an der Tankstelle, an der wir dann doch halten mussten, um zu tanken, und dafür aus dem Auto mussten. Danach war das Reisebaby natürlich wach.


Zum Glück war es dann nicht mehr weit bis zu unserem Ziel. Foto 'Ton in Ton' 2. Wer findet die Kirche?


Areni ist berühmt für seinen Wein und tatsächlich ist an jeder Ecke eine Weinfabrik. Unser Bed&Breakfast hat auch eine Wein-Deko am Eingang.


Ich bin todmüde und will eigentlich nur schlafen, aber das Reisebaby ist munter und so schön ist das Zimmer nun auch nicht, deshalb brechen wir doch noch auf, besichtigen eine der vielen Weinfabriken und genießen die Abendstimmung mit Regenbogen.


Auch ohne Weinprobe wird man hier schon vom Geruch betrunken. 


Das absolute Highlight fürs Kind ist aber das Nachhausekommen der Kühe im Dorf. Gegen sechs trotten die Tiere alleine von der Weide zurück ins Dorf, werden von ihren vor der Tür wartenden Besitzern abgefangen und in den Stall gebracht. Aus Kirgistan kenne ich das sogar als Zeitangabe: Wenn die Kühe nach hause kommen. Ich frage mich, wie das Reisebaby später wohl auf deutsche "Auf dem Bauernhof"- Bilderbücher reagieren wird.



Montag, 9. Oktober 2017

Was lange währt...

Ok, es waren nur drei Wochen und zwei Tage. Aber ohne Kinderwagen, Hochstuhl, ohne das meiste Spielzeug und zunehmend auch ohne meine warmen Sachen, waren es doch recht lange Wochen, die noch länger wurden, weil mir alle Horrorgeschichten vom Zoll erzählten. Vom Hochzeitskleid, dass 75,- Dollar gekostet hatte und vom Zoll, der dafür 250,- Dollar wollte - drei Wochen nach der Hochzeit. Von zwei Tagen, die man an drei verschiedenen Standorten des Zoll verbracht hat, um dann zu erfahren, dass die Sachen doch noch gar nicht da sind. Über unendliche Debatten über dann doch kaputte CDs. Als dann noch die Frage nach meinem Residenz Permit (das ich mit viel Glück Weihnachten haben werde) kam, verabschiedete ich mich innerlich schon mal von meinen Sachen.
Aber nun: Meine Kisten sind da. Alle vier, heil, unversehrt, trotz des Transports letztendlich doch über Kiew.
Nun beginnt die Wohnung sich etwas wie unsere anzufühlen. Spielzeug überall zu verteilen, macht viel mehr Spaß, wenn man tatsächlich genügend hat. Das haben wir nun und sogar den wunderbaren Filz-Spiel-Teppich, den ich letzten Sommer aus dem Filzprojekt in der Türkei mitgebracht habe. Aber auch neue Probleme, denn offensichtlich darf man hier Wohnungen nur verändern, wenn man sie kauft. Und ein Teppich, ein Regal und ein Kinderbett sind Veränderungen, die hier nicht erwünscht sind. Angesichts meiner - wie ich finde - bemerkenswerten Toleranz für Polstermöbel, Vasen mit Kunst- und Trockenblumen sowie eigenartigen Wandgemälden, finde ich das nicht ganz fair. Immerhin soll ich theoretisch ein paar Jahre hier verbringen. Praktisch werden es unter den Umständen sicher weniger. Zumindest in dieser Wohnung.
Jetzt habe ich Zeit, mich dem nächsten Katastrophenthema zu widmen: Dem Residence Permit. Nach drei Wochen hat mein Arbeitgeber jetzt die Unterlagen rausgesucht, was wir dafür brauchen. Neben Kleinigkeiten wie einem übersetzten und beglaubigten Pass, Pass einem lokalen Arbeitsvertrag (habe ich immer noch nicht und den dafür Verantwortlichen auch noch nie gesehen), auch ein medizinisches Gutachten, das in einer Poliklinik hier gemacht werden muss. Für mich und das Reisebaby natürlich in verschiedenen. Damit das aber gemacht werden kann, muss ich aber bei etwas, was sich möglicherweise - möglicherweise aber auch nicht - als Bezirksamt übersetzen lässt, die Bestätigung holen, dass ich da wohne, wo ich wohne. Um das zu belegen, brauche ich ein Residence Permit. Die Verantwortliche bei meiner Organisation fragte allen Ernstes, wo das Problem wäre, dafür müsste ich doch bloß - Tja. 
Ich bin sicher, dass es eine Lösung gibt. Gibt es immer. Aber manchmal bin ich gerade sehr müde und der Geduldsfaden ist sehr dünn.
Gute Nacht.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Armenischer Kaffee

Irgendwann im Sommer las ich eine Glosse, in der sich jemand über die modernen Mütter mit dem Kaffeetassenhalter am Kinderwagen lustig machte. Ich konnte nicht mehr weiterlesen, was daran jetzt so schlimm war, denn das innere "WOHER haben die den?! Will auch! WILL AUCH!" war einfach zu laut. Natürlich bin ich nicht dazu gekommen, mir wirklich einen anzuschaffen, aber so blöd mein Leihbuggy mit seinem ständig abfallenden linken Vorderrad ist: Er hat einen Kaffeetassenhalter. Jetzt muss ich nur noch einen vernünftigen Coffee-to-go-Dealer in meiner Nachbarschaft finden, dann steht dem Leben als "Yerevan-Mitte-Mom" nichts mehr im Wege.
Das mit dem Coffee-to-go gestaltet sich allerdings schwieriger als erwartet, denn das Angebot sieht größtenteils so aus:



Tatsächlich könnte ich eine ganze Collage mit den verschiedensten Kaffeeautomaten auf Yerevaner Straßen machen und es würde sich sogar lohnen, denn bisher habe ich noch keine zwei gleichen gesehen. Irgendwie habe ich aber keine Lust dazu, ebensowenig wie darauf, sie alle durchzuprobieren, um den besten zu finden. Da mache ich Rabenmutter doch lieber einen kurzen Zwischenstopp in einem Café auf dem Rückweg vom Russischkurs und trinke da einen Kaffee. Da habe ich bisher auch nicht viel ausprobiert, sondern lande meistens in der am Weg gelegenen Filiale der Jazzve-Kette (nein, das ist nicht unbedingt Werbung, die Bedingung ist nervtötend langsam - oder kommt es mir als gehetzte arbeitende Mutter nur so vor?!). Hier gibt es den berühmten armenischen Kaffee, von dem sogar Freunde in Baku schwärmen, wobei der Begriff 'armenischer Kaffee'  natürlich etwas irreführend ist, vor allem wenn er in Baku mit dem gierigen Blick ausgesprochen wird: Wenn Du schon ins böse Nachbarland fährst, bring wenigstens Kaffee mit. Denn in dem steinigen Gebirgsland wächst natürlich kein Kaffee, der wird hier genauso aus Indonesien und Afrika importiert wie sonst auch. Wichtig ist die Zubereitungsart in der Jezve, dem nach oben zulaufenden Topf mit dem langen Henkel, in dem starker Kaffee mit Satz serviert wird, bei dem man vorher dazu sagt, wie viel Zucker man möchte, denn der wird mitgekocht. Ok, es ist das, was man in Deutschland türkischen oder arabischen Kaffee nennt, in Griechenland irgendwann von 'türkisch' zu 'griechisch' umbenannt hat, und am ehrlichsten vielleicht 'osmanisch' heißen müsste. Überlebende des Genozids brachten also zwar nicht die Kaffeepflanzen, sondern lediglich die Zubereitungsart auf die kaukasische Hochebene.
Der richtige armenische Kaffee soll auf heißem Sand gekocht werden und jedesmal, wenn ich einen in einem Café trinke, das diese Erklärung auf der Speisekarte hat (und das sind sehr viele in Yerevan!) möchte ich fragen, ob ich das mal sehen kann. Bisher habe ich mich nicht getraut, aber jetzt habe ich ja einige Zeit dafür. Und Koffein kann ich gerade auch nicht genug bekommen.

Das Fotografieren meines Essens und Trinkens wird nie mein Hobby.
Aber man beachte den Jezve-förmigen Kekse ganz rechts.
Coffee-to-go gibt es bei Jazzve übrigens angeblich auch. Aber solange sie noch keine Jezve-förmigen Pappbecher haben, nehme ich lieber das Gedeck. ('Jazzve' soll übrigens ein Kunstwort aus 'Jazz' und 'Jezve' sein- Wenn ich den Jazz gefunden habe, lasse ich es euch wissen.)

Montag, 2. Oktober 2017

Kunsthandwerk. Endlich mal wieder.


Kunsthandwerk und Kunst
(und ein kleines bisschen Kaskade - das Weiße da hinter dem
blauen Vogel.) Über die Kunstwerke kann man ja geteilter Meinung sein,
aber die Stickereien und ihre Verarbeitung zu Taschen ist gut.) 

Ich habe einen Kinderwagen! Ich habe wieder einen Kinderwagen!! Einen, wohlgemerkt, nicht meinen, denn der ist immer noch kaputt bzw. die Ersatzteile in den Kisten und die sind in - Berlin. Ernsthaft. Sicher im Lager, wie mir die Spedition mitteilte und dafür offensichtlich mehr Begeisterung erwartete als ich aufbringen konnte. Der Transport über Moskau funktioniert nicht wie geplant und nun wird eine neue Fluglinie gesucht. Offensichtlich nicht ganz einfach, denn das geht jetzt schon ein paar Tage so.

Ok,  das hätte jetzt nicht sein müssen, aber ich habe von der Freundin einer Freundin einer Kollegin einen Kinderwagen - und Yerevan auf einmal sehr viele Stufen, hohe Bordsteine und holperiges Pflaster. Aber was solls, Hauptsache wir konnten am Wochenende einen zweistündigen Bummel über einen kleinen Kunsthandwerksmarkt an der Kaskade machen, ohne dass mein Rücken und das Kind protestierten. Zum ersten Mal sehe ich wirklich gutes armenisches Kunsthandwerk und spüre die alte Begeisterung für die Möglichkeiten, die es in wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung spielen kann. Das, was an der Vernissage verkauft wird, ist ja größtenteils ziemlich nichtssagend und schon im Vorbeigehen habe ich jedes Mal das Gefühl, nun wirklich keinen Granatapfel mehr sehen zu wollen - weder gemalt noch getöpfert, nicht gestickt, geschnitzt oder gedruckt. 
Häkelpuppen standen bisher jetzt nicht auf meiner Liste des
förderungswürdigen Kunsthandwerks, aber die haben was.
Auch für Ausländer, die die Personen aus den Werken des Dichters
Tumanyan nicht kennen, die sie darstellen.
Der Markt am Wochenende zeigte nun, dass man armenisches Kunsthandwerk auch granatapfelfrei gestalten kann. Mit Steinmetzarbeiten als Briefbeschwerer habe ich es ja nicht so, vor allem wenn sie vor allem verzierte Kreuze beinhalten, aber die Textilien, die Seidenmalerei, Stickereien, Webteppiche waren toll und schon ziemlich perfekt in der Verbindung von Tradition und wirklich nützlich an moderne Vermarktung angepasst. Das beste aber war, dass es an allen Ständen Postkarten mit Bild, Kurzbiographie und vor allem Adresse der Werkstatt - eine Menge Kunsthandwerker und Kunsthandwerkerinnen in abgelegenen Orten Armeniens können sich schon mal auf meinen Besuch vorbereiten! 
Und mit den Organisatoren von My Armenia, einem Kulturtourismusprojekt, das u.a. vom Smithsonian Institute gefördert wird, muss ich mich auch unbedingt mal unterhalten.


Der Kinderwagen hat übrigens auch Nachteile. Bisher war das Reisebaby ja wenigstens in meinem Tuch vor Übergriffen geschützt, auch wenn ich sobald es anfing, irgendwo zu laufen oder krabbeln, schon aufpassen musste, dass es nicht von irgendjemand Fremden hochgenommen und abgeknutscht wurde. Muss ich noch aufpassen, dass es mir nicht aus dem Kinderwagen gekidnapped wird. Was um Himmelswillen haben Menschen davon, ein sich wehrendes Kind auf dem Arm zu haben? Kinderliebe beinhaltet auch etwas Respekt vor dem Willen des Kindes, versuche ich zu erklären, wenn es sprachlich irgendwie geht, aber bisher bekomme ich immer nur die Antwort, ich wäre eben Ausländerin. Stimmt. Und mein Anpassungswille an manches ist dann eben doch eng begrenzt.

Donnerstag, 28. September 2017

Durch die Stadt

So wird das nichts. Wenn ich warte, bis ich endlich meine Kisten inklusive Kinderwagen und meiner kleinen Kamera hier habe, ist der Blog eingeschlafen, kaum dass ich ihn wieder aufgeweckt habe. Da ich jetzt jeden Tag ohne Kind im Tuch das Haus verlasse, um zum Russischunterricht zu gehen, dokumentiere ich jetzt einfach mal den Weg durch die Stadt. Mit dem Smartphone, das nie als Kamera gedacht war. Und bei so hellem Sonnenschein, dass ich meistens nicht auf dem Display gesehen habe, was ich eigentlich fotografieren wollte. Egal. Wird alles besser. Irgendwann. (Und dann haben vermutlich die lang angekündigten Herbstregen eingesetzt und ich will gar nicht mehr so lange stehen bleiben, dass ich fotografieren könnte.)


Hier kommen also die armenischen Kreuzsteine,
die Chatschkar, her. Oder zumindest ein Teil davon.

Manchmal, ganz manchmal, sieht Yerevan doch noch aus
wie eine typische russische Kolonialstadt im Südkaukasus.

Meistens aber eben doch herrlich sowjetisch wie hier am
Platz der Republik mit dem Nationalmuseum.

Trinkwasserbrunnen gehören zum Straßenbild. Die meisten sind kleiner
als der hier, aber beliebt sind sie alle.
In meinen Reisenotizen von 1999 habe ich einen Absatz gefunden,
dass auf dem damals noch völlig heruntergekommenen Flohmarkt bei
uns um die Ecke, wo vor allem Hausrat und Bücher verkauft wurden, auch
einige wunderschöne Teppiche zu finden waren. Entweder die Teppiche haben sich verändert
oder mein Geschmack. Der Flohmarkt ganz sicher (mehr dazu irgendwann).
 

Ein noch etwas verwilderter Park mit See, Kunst und bunten Booten.

Ich dachte ja schon, die Zeiten, wo deutsche Autos mit den seltsamsten
Aufschriften in den Kaukasus kommen, wären vorbei, aber ein paar
Exemplare, die große Fragezeichen hervorrufen, gibt es dann doch noch.