Donnerstag, 1. Juni 2017

Statt Wein

Ich hatte es wahrscheinlich schon erwähnt, aber noch mal ganz deutlich: Georgienreisen während Schwangerschaft und Stillzeit sind doof. Überall gibt es guten Wein und Menschen, die gar nicht verstehen, warum man nicht trinkt. Letztes Jahr war ich mehr als einmal so weit, dem nächsten, der mir erklärte, dass auch Georgierinnen in der Schwangerschaft trinken, zu antworten "Nun, das erklärt einiges!" Aber dann war ich doch zu höflich.
Das berühmteste aller georgischen
Wasser 
Um mich darüber hinweg zu trösten, dass ich immer noch keinen Wein trinken konnte (naja, ein bisschen diesmal wenigstens), habe ich mich daran gemacht, die verschiedensten Mineralwasser durchzuprobieren, Tatsächlich kann man zehn Tage in Georgien sein und jeden Tag in durchschnittlichen Supermärkten ein Mineralwasser kaufen, ohne zweimal das selbe trinken zu müssen. Wenn man noch etwas sucht oder unterwegs auch mal lokale Quellen ohne landesweiten oder sogar internationalen Vertrieb ausprobiert, geht es noch wesentlich länger. (Kennt jemand den Spruch, der Charles de Gaulle zugeschrieben wird, dass es unmöglich ist, ein Land mit 246 Käsesorten zu regieren? So was ähnliches könnte auch ein georgischer Politiker über sein Land und dessen Mineralwasser sagen - wenn er denn wüsste, wie viele Sorten es gibt.)
Ich glaube, ich habe es letztes Jahr in der Umgebung von Kazbegi mit dem ortskundigen Bruder eines Freundes auf fünf Mineralwasserquellen an einem Tag gebracht. Die meisten hatten nicht einmal einen offiziellen Namen - war ja auch nicht nötig, denn den Menschen aus der Umgebung, die hier ihre Kanister abfüllten, reichte ja der lokale Name. 
Diesmal habe ich mich durch industriell abgefülltes Mineralwasser mit so klangvollen Namen wie Bakuriani und Bakhmaro, Sno und Sairme, Nabeglavi und Likani gekostet. Mit Kohlensäure und ohne. Manche so geschmackfrei, dass ich genauso gut Berliner Leitungswasser hätte trinken können, manche so stark mineralisch, dass es nun auch nicht mein Ding war (zu dieser Gruppe gehörte auch das legendäre Borjomi). Ein etwas schlechtes Gewissen, denn bis auf Borjomi, die eine eigene Glasfabrik haben, sind alle auch Plastikflaschen.
Auch wenn die einzelnen Flaschen nicht viel kosten und auch für Einheimische erschwinglich sind, bringen Mineralwasser hier eindeutig Geld. Verschiedene Firmen kämpfen um Marktanteile und große Unternehmen wie Borjomi haben gleich eine ganze Reihe Marken unter ihrem Dach. Manche, wie Sno oder Sairme, sind vor allem für den georgischen Markt gedacht, andere wie eben Borjomi oder Nabeglavi gehen auch- oder sogar vorrangig in den Export - vor allen in andere Teile der ehemaligen Sowjetunion und - nachdem beide Marken von 2006 bis 2013 von dem großen russischen Markt verbannt worden waren - zunehmend auch in den Iran. 

Apropos Mineralwasser, Geld und Macht: Mein privater Favorit war Likani. Dann erklärte mir eine Freundin, von jeder verkauften "Likani-"Flasche ginge ein Teil des Erlöses an die Georgisch Orthodoxe Kirche und erinnerte mich wieder, wie diese vor vier Jahren das Zusammenschlagen von Schwulen nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar unterstützt hat. 
Nicht mal Mineralwasser kann ich hier in Ruhe trinken.
Mineralwasser Sondersammlung
Armenien





Montag, 29. Mai 2017

Weinkeller Georgiens II

So, hier nun endlich der zweite Text zur Georgischen Weinstraße. Vor Wochen begonnen und immer unterbrochen.

Weinberg und Kaukasus in den Wolken

Ok, ich habe jetzt das Gefühl, deutlich klüger zu sein, was den georgischen Wein angeht. Die meisten Erkenntnisse verdanke ich einem Ausflug nach Napareuli, das in der Nähe von Telavi liegt. Nun ist es nicht so, dass man nicht überall rund um Telavi kleine Weinkeller findet, bei denen man auch kosten kann (erkennbar an herumliegenden Qvevri oder großen Stahltanks. Oder beidem.) Aber in Napareuli hat ein georgisches Zwillingsbrüderpaar mit eigener Kelterei und Hotel eine Konkurrenz zu den europäischen Weinspezialisten aufgebaut und mit einem offiziellen georgischen Weinmuseum noch eine Attraktion draufgelegt. Unschwer erkennbar an einem gigantischem, bunt bemalten Qvevri bietet es Weinproben und Kleinigkeiten zu Essen direkt am Weinberg, aber auch Kaffee und Wasser - obwohl wir bei diesem Wunsch doch etwas irritiert angesehen wurden (es war mittags und fast dreißig Grad, da war selbst mir nicht nach Wein.)
Qvevri XXL

Das Museum beschäftigt sich mit einer Menge Puppen und nachgestellter Szenen sowohl mit der Qvevriherstellung als auch mit den Besonderheiten der Weinproduktion in Qvevri und geht auch auf die Produktion von Tschatscha ein. Demnach ist Tschatscha ein Beiprodukt der Weinherstellung im Qvevri. Da werden nämlich die zermantschten Trauben im ganzen eingefüllt, also mit Kernen und Schale. Nach ein paar Monaten ist fast die ganze untere Hälfte des Qvevri mit dem abgesetzten Resten gefüllt und der Wein sammelt sich im oberen Teil - laut einer Graphik ist das in den modernen Stahltanks allerdings auch so. Das Besondere an den Qvevri ist, dass der Wein aus ihnen jeweils anders schmeckt, ja sogar völlig verschiedene Farbtöne annehmen kann, je nach dem aus welchem Ton der Qvevri gemacht wurde und wie er gebrannt wurde. Eine ganze Forschungsgruppe soll sich damit beschäftigen, wie man den Ton für die verschiedenen Trauben perfektionieren kann. Für den Laien war schon die Ausstellung der verschiedenen Tonarten und der daraus resultierenden unterschiedlich farbigen Weine eindrucksvoll. Selbst ohne sie auch noch zu kosten. Nur noch zwölf Meister soll es in Georgien geben, die sich auf das Machen von Qvevri verstehen. Schwer vorstellbar, das wirklich alle der vielen sichtbaren Qvevri, die ja buchstäblich nur die Spitze aller vorhandenen sind, denn die meisten sind ja eingegraben, aus so wenig Werkstätten kommen. Aber andererseits ist so eine Tonamphore ja kaum kaputt zu bekommen, vor allem wenn sie eingegraben ist. Die Ausstellung hat auch Displays zu so brennenden Fragen wie wie der Wein wieder aus den Qvevri rauskommt (kleine Schöpfeimerchen wie für Brunnen) und wie sie gereinigt werden (sieht komplizierter aus, da muss sich wohl jemand reinzwängen).
Ausstellung verschiedenster Tonsorten.
Die Qvevri sieht man natürlich nicht,
die sind unter den runden Löchern im Boden vergraben.
(Angeblich zumindest.)

Die im unteren Teil des Qvevri gesammelten Reste werden dann mit Wasser versetzt und erhitzt, um Tschatscha daraus zu destillieren. Der Wein wird dann wohl doch in Fässern, am besten aus französischer Eiche gelagert.Wie das nun ganz traditionell lief, als französische Eiche nicht so leicht in die abgelegenen kaukasischen Täler kam, wusste unser Führer nicht, wie leider auch hier generell nur eine Führung abgespult wurde und Fragen nicht wirklich erwünscht waren - ebenso wenig wie das Lesen der auf den ersten Blick ganz informativ wirkenden Texte und Schaubilder, denn offensichtlich durfte man nicht alleine im Museum bleiben und der Guide hatte es eilig. Schade, da könnte man noch mehr rausholen.

Ein Qvevri wird vergraben

PS: Wenn irgendjemand das besser weiß, bitte melden. Ich lasse mich nach wie vor gerne über Details des georgischen Weinbaus belehren.

Freitag, 26. Mai 2017

Die Präsenz der Lämmer




Vor anderthalb Jahren (erst?schon?) postete ich hier eine Sammlung von Street Art in Tbilisi. Nun konnte mir nicht entgehen, dass eine neues Thema Orte und Unterführungen beherrscht. Die Präsenz des Lammes unübersehbar. Ich hatte ja hier schon ein Bild gepostet, bei dem ich mich fragte, ob die georgisch orthodoxe Kirche nun Sinn für Humor entwickelt habe. Angesichts des süßen Lamms vor dekorativer Bergkulisse oder mit einer Portion Khinkali hatte ich dann eher das Tourismusministerium im Verdacht. Mit etwas Recherche stellte sich dann aber heraus, dass hinter LAMB ein junger Künstler aus Tuscheti, einer ländlichen Region Georgiens im Hohen Kaukasus steckt. Die Tuschen sind traditionell Schäfer und es soll in der Region deutlich mehr Schafe als Menschen geben - was bei einer Gesamtbevölkerung von etwas über 5000 jetzt auch nicht so unglaublich schwer ist. 

Der Künstler Mishiko Sulakauri will mit seinen Arbeiten offensichtlich sowas wie die "Natur des Georgiers" darstellen. Zumindest hat er sowas in einem Interview anlässlich seiner ersten Ausstellung im letzten Herbst gesagt. Demnach verspeist der Georgier erstaunlich viele der großen Teigtaschen Khinkali (ok, dem kann ich zustimmen), er träumt vor Bergkulissen (vermutlich auch nicht ganz falsch), seine Phantasie kann sehr bunt sein und kurvige nackte Frauen enthalten (ich habs ja schon immer geahnt) und manchmal steht er auch einfach nur mit verschränkten Armen an einer Hauswand herum (ist mir auch schon aufgefallen, allerdings kommt ein Schaf da selten allein). Ganz so unschuldig scheint mir das kleine Lämmchen in der großen Stadt dann doch nicht zu sein. Vor allem, wenn man dann im Interview liest, dass zu den Träumen des Künstlers ein Shop gehört in dem (zugegeben nicht nur) er seine Werke als typisch georgische Kunstartikel an Touristen verkaufen kann. Das ist zwar mal was anderes als Püppchen in georgischer Tracht, aber ist für mich dann auch keine Kunst mehr. Von der angeblichen ironischverpackten Kritik an herrschenden Verhältnissen mal ganz zu schweigen. 
Aber immerhin sind die Unterführungen bunter.







Mittwoch, 24. Mai 2017

Limonade und Gentrifizierung

Ich war zwar schon einmal an der Sameba-Kathedrale in Tbilisi, aber damals haben mich Freunde da nur schnell hochgeführt und für das umliegende Viertel Avlabari blieb sehr wenig Zeit. Dabei ist Avlabari sogar so interessant, dass es zum Studienobjekt von Ethnologen rund um Gentrifizierung geworden ist (ok, wenn man bedenkt, was Ethnologen alles studieren, ist das vielleicht nur bedingt ein Beweis für ein interessantes Viertel.) 
Trotzdem ein Besuch ist es Wert, vor allem da ich sowieso noch mal zur Sameba hoch wollte, allerdings weniger aus religiösen Gründen. In der wuchtigen Mauer der Kathedrale befindet sich nämlich ein Restaurant, bei dessen Erwähnung meine georgischen Freunde glänzende Augen bekommen. Weniger weil es so exquisit ist oder das Angebot so reichhaltig - genauer gesagt stehen Chatschapuri und Limonade auf der Speisekarte - sondern eben wegen der Limonade. Es handelt sich um die legendäre Lagidze-Limonade, mit der seit ihrer Erfindung Ende des 19. Jahrhunderts Kindheitsträume verbunden sind und die für eine Weile aus dem Leben der Tbilisier verschwunden schien, nach dem das Stammgeschäft am Rustaveli geschlossen wurde. Die Basis der berühmten Limonade ist Sirup in leuchtenden Farben, der aus runden, spitz zulaufenden Behältern in Gläser gezapft und mit Mineralwasser aufgefüllt wird. Die Geschmacksrichtungen wie Schokolade, Sahne oder Estragon machen die Limonaden besonders exotisch - bisher kann man die so nicht von der Coca Cola Company erwerben. Obwohl ich zumindest der Estragon-Limonade, dem auch in anderen Ländern der ehemaligen Sowjeunion berühmten Tarhun, durchaus etwas abgewinnen kann (und zu Chatschapuri habe ich ja ohnehin neuerdings ein engeres Verhältnis), frage ich mich doch, ob das Benehmen der Bedienung auch zur Befriedigung der Nostalgie dienen soll oder darauf ausgerichtet ist, Touristen ihr "sowjetischer Service"-Klischee erfüllen soll. Mir vergeht der Appetit, wenn ich in einem leeren Lokal zehn Minuten warten muss, bis ich bestellen darf, und dann weitere zehn um ein Glas Limonade zu bekommen - zugegeben, quengelnde Babys machen ungeduldig.
Aber noch ein paar Worte und Bilder zu dem Viertel, das an dem streckenweise doch recht steilen Hang des Elias-Berges unterhalb der Sameba (und oberhalb des Präsidentenpalastes) liegt. Auch von der U-Bahnstation Avlabari geht es noch nach oben und je näher man der Kathedrale kommt desto leerer werden die Straßen. Unten noch quirliges Markttreiben, mit Läden, Imbissbuden und Straßenhändlernmit Obst und Gemüse, oben - nichts. Außer vielleicht ein paar Bettler, wie an allen Kirchen Georgiens,und ein paar kleine Stände mit Kerzen und Rosenkränzen. Was man in einer Kirche halt so braucht.  
In Avlabari lebten ursprünglich viele Armenier und manche betrachten es immer noch als Affront, dass das Symbol des Wiedererstarkens der georgischen Kirche ausgerechnet hierhin gesetzt wurde. Ich glaube gerne, dass die Mieten vor allem entlang er frisch renovierten Straßen ins unglaubliche gestiegen sind,und dass die steigende Zahl der Hotels und Pensionen ebenfalls zur Verdrängung der ursprünglichen Bewohner führt. Was ich nicht bestätigen kann, ist, dass überall Souvenir- und Devotionalienläden sind. Ich finde einen Laden mit Ikonen und Kerzen, zwei Souvenirläden mit T-Shirts und Schals und einen Weinladen, dessen Angebot sich preislich vermutlich eher an Ausländer richtet. Sonst scheint mir gerade das Ladenangebot noch stark auf Alltagsbedürfnisse ausgerichtet zu sein. Ob die anderen schon alle wieder pleite gemacht haben, weil die Ausländer doch nicht in Scharen in das georgische Nationalheiligtum strömen und die Georgier nicht so viel Geld ausgeben? Ich finde jedenfalls sonst nur die wenigen Straßenhändler, bei denen ich ein paar Kerzen kaufe, bevor sie vor dem aufziehenden Sturm endgültig kapitulieren (das Wetter war sicher ein Punkt, dass nicht viel los war.) 
Zum Anzünden der Kerzen in der Kathedrale komme ich dann aber nicht: Ich habe kein Kopftuch dabei und gerade können keine verliehen werden. Ok, soviel zur Ausrichtung auf Touristen.

(Jaja, die Fotos werden immer schlechter - schon mal versucht mit zappelndem Kind im Tragetuch zu fotografieren?!)

Rosenkränze im Wind.

Scherenschleifer und Bäcker. Die Tatsache, dass für das Brot auch auf Englisch geworben wird, ist ein (erstes?) Zeichen steigenden Tourismus in der Gegend.


Ich habe mich ja daran gewöhnt, dass es in Tbilisi von Jahr zu Jahr mehr türkische Geschäfte voller türkischer Produkte gibt, dass viele Fleischereien und Restaurants mit halal werben und man laut den Schildern am Eingang von Frisören dort auch türkisch sprechen kann - aber türkisches Brot? Wenn man nebenan frisches Tandirbrot
aus dem Lehmofen haben kann? Echt jetzt??

Sonntag, 21. Mai 2017

Ich esse einen Chatschapuri,

Georgische Nationalspeise. In jeder Hinsicht wirtschaftlich wichtig.

die berühmte georgische Köstlichkeit aus Hefeteig und geschmolzenen Käse. Genauer gesagt esse ich nicht einen,sondern zwei, und zwar imeretische Chatschapuri (siehe Bild). Diese Variante unterscheidet sich von der adscharischen, mingrelischen oder ossetischen Variante deutlich, aber es soll hier nicht (oder nur am Rande) um die Vielfalt der georgischen Regionen gehen. Einen in Telavi für 10 Georgische Lari (GEL) und einen am Rustaveli in Tbilisi für 6,50 GEL. Das Restaurant in Telavi hat (zumindest nach den Angaben vom Februar) durchschnittlich 3,59 GEL für die Zutaten ausgegeben und damit eine Gewinnspanne von 6,41 GEL Die Tbilisier haben deutlich knapper kalkuliert und haben bei 3,53 GEL einen Gewinn von nicht einmal 3 GEL. Würden Restaurants Kutaisi, im Herkunftsgebiet des imeretischen Chatschapuri, ähnlich kalkulieren, würden sie noch weniger Gewinn machen, denn die Zutaten sind hier am teuersten. Wenn die Restaurants seit Mai 2015 ihre Preise nicht verändert haben, verdienen sie heute in Telavi ungefähr 0,40 GEL (bzw. 40 Tetri) weniger an einem Chatschapuri als damals und in Tbilisi 50 Tetri weniger. 
Woher ich das alles weiß? Ich verfolge den Chatschapuri-Index des International School of Economics Tbilisi (ISET). Anhand der Grundzutaten eines Imeretischen Chatschapuri, also aus Mehl, Butter, Milch, Käse, Eiern, Hefe und dem zum Kochen benötigten Gas, wird jeden Monat die Inflation in Georgien berechnet. Forscher ziehen dafür jeden Monat über die Märkte der vier größten Städte Georgiens, in Tbilisi, Batumi, Kutaisi und Telavi und ermitteln Preise, aus denen sie dann Durchschnittswerte berechnen. 
Zusätzlich stellen die Wirtschaftler vom Chatschapuri-Index angesichts großer jahreszeitlicher Preisschwankungen auch weitere interessante Fragen nach ökonomischen und kulturellen Besonderheiten: Warum sind beispielsweise die Käsepreise im Winter niedriger sind als im Sommer, wenn doch im Sommer die Milchproduktion im Land höher ist als im Winter? Welche Auswirkungen hat das Kirchenjahr auf die Chatschapuri-Preise?Nach einer Langzeitbeobachtung steigen Weihnachten und Neujahr (bzw. Neujahr und Weihnachten, in Georgien ist ja erst Neujahr und dann Weihnachten) die Preise, weil mehr gebacken wird, in der Fastenzeit sinken sie, weil gläubige Christen in dieser Zeit auch auf Milchprodukte verzichten (ist das eigentlich auch in der katholischen Kirche so? - Ich dachte, Mehlspeisen würden auch Milch enthalten). Die Frage nach dem billigeren Käse im Winter erklärt sich übrigens gerade durch die geringere Milchproduktion im Land: Deshalb wird billigeres Milchpulver vor allem aus der Ukraine importiert. Bei meinem Interview mit einer der Wissenschaftlerinnen hinter dem Chatschapuri-Index erzählt mir diese, dass erst seit kurzem Milchprodukte aus Milchpulver gekennzeichnet werden müssten, dass das aber natürlich auf den Märkte kaum durchzusetzen ist. Ob wirklich nur die großen Molkereien mit Milchpulver arbeiten, sei dahingestellt. Der kleine Bauer, der die Milch seiner fünf bis zehn Kühe mit Milchpulver streckt, wird wohl nach wie vor die Gelegenheit dazu haben.
So genau wollte das hier niemand wissen? Pech. Ich fand es spannend.
Guten Appetit.

Donnerstag, 18. Mai 2017

Die Veränderung der Märkte

Getrocknete Früchte im GUM - so erinnere ich
 mich auch an
die zentrale Markthalle
Über Märkte wollte ich sowieso schreiben und das Thema bietet sich wunderbar für einen gemeinsamen Yerevan-Tbilisi-Post an. Das Verhältnis der südkaukasischen Länder zu Märkten, vor allem in ihren Hauptstädten, ist - vorsichtig gesagt - ambivalent. Einerseits gehören "bunte, orientalische" Märkte ebenso wie Seidenstraßen-Erwähnungen zum Bild, dass man gerne an Touristen vermittelt, andererseits werden die real existierenden Märkte mit ihren sowohl vom Finanzamt als auch von der Gesundheitsbehörde nur schwer kontrollierbaren Kleinhändlern ungerne gesehen und gelten als unangenehm anachronistisch und nicht ins Bild nach Europa gewandter Länder passend. Sehr bewusst ist mir das in Jerevan wieder geworden, als ich mich zuerst freute, dass die große Markthalle wieder offen war. Ich habe schöne Erinnerungen an die hochgewölbte Halle gegenüber der Persischen Moschee und war 2013 ziemlich enttäuscht gewesen, dass sie geschlossen war. Allerdings wurde ich noch mehr enttäuscht: Nach der Renovierung war nichts mehr von der alten Marktatmosphäre übrig, stattdessen ist nun das ganze Untergeschoss mit einem gigantischen Supermarkt gefüllt, in dem man die unerwartetsten Importwaren finden kann. Auf der Empore befindet sich ein Fastfood-Restaurant und einige Kleidungsläden. Da kann man schon froh sein, dass nicht das große Gitterwerk am Eingang, in dem man neben Mustern auch Abbildungen von Tieren, Fischen, Blumen und Früchten findet, und die comichaften Lebensmittel mit Gesichtern, Armen und Beinen am Dachfirst Werbebannern weichen mussten. 
Etwas altes Marktgefühl im modernen Supermarkt
Die Händler sind verdrängt worden. Gerade die Kleinsthändlerinnen mit ihren wenigen Eimern mit Obst, den Gläsern mit Joghurt oder ein paar Kisten mit getrockneten Fischen bieten ihre Waren immer noch rund um die Markthalle an. Die größeren Händler, vor allem für Obst oder getrocknete Früchte und Nüsse treffe ich am Sonntag als ich eher zufällig auf dem anderen großen Markt von Jerewan lande, der für die alten Jerewaner immer noch das GUM nach der alten russischen Bezeichnung ist, auch wenn schon lange "Armenischer Markt" am Eingang steht.

Was der Garten so hergibt
In Tbilisi sollte der alte "Desertes"-Basar am Bahnhof schon vor Jahren einem Bürohochhaus weichen. Heute ist er immer noch eine Bauruine, in der Handel getrieben wird - hier werden Karotten oder Kartoffeln säckeweise aus großen Lastwagen verkauft oder eine alte Frau bietet zehn einzelne Bünde Estragon an. Ich frage eine frühere Kollegin, die sich intensiver mit den damaligen Plänen, den Reaktionen der Kunden und Händler beschäftigt hat, was passiert ist und wie es nun weitergeht. Denn so richtig überzeugend scheint mir das offensichtliche Provisorium nicht zu sein. Die Kollegin winkt ab: Alles unklar. Nur das geplante Hochhaus würde sicher nicht gebaut werden. Die darunter durch führende U-Bahn mache den Bau statisch unmöglich. Aber das habe eben niemand vorher überprüft und nun wisse keiner weiter. So was könne auch nur in Georgien passieren. Ich denke an den Berliner Flughafen und erspare mir jeden Kommentar.

Eins muss ich allerdings bei aller Nostalgie für die alten Märkte doch festhalten: Der neue Supermarkt in Jerewan und das Fastfoodrestaurant waren eindeutig besser besucht als der GUM und auch der Desertes, zumindest als ich da war. Die Bevölkerung - jedenfalls die, die es sich leisten kann, hat sich offensichtlich schon entschieden.

Montag, 15. Mai 2017

Überstanden

Nix Besonderes - aber das erste Nachzugabteil des
Reisebabys verdient doch ein Bild.
Die beiden Nachtfahrten sind überstanden. Gut sogar, würde ich sagen. Die Hinfahrt war geprägt von saufenden Iranern, die sich offensichtlich mit georgischen Wein eingedeckt hatten, um dann in Yerevan aus dem Zug zu wanken und (meine böse Vermutung) gleich ins nächste Cognac-Geschäft weiterzuziehen. Dabei sprachen sie Aserbaidschanisch, was nicht verwunderlich ist, ist doch der größte Teile der Bevölkerung des Nordirans aserbaidschanischsprachig. Verblüffender war, dass der ältere armenische Schaffner ebenfalls Aserbaidschanisch sprach. Baku-Armenier? Vom Alter her könnte es noch gut hinkommen.
Das Streckennetz Armeniens scheint zu einer Zeit gebaut zu sein, als Weichen für Abzweigungen gerade schlecht lieferbar waren, denn wie ist es sonst zu erklären, dass die Strecke einen langen Bogen durch den Westen Armeniens macht, um noch das ganz an der türkischen Grenze gelegene Gyumri zu erreichen, bevor es wieder nach Osten und dann nach Norden, nach Tbilisi geht? Im Bahnhof Yerevan ist ein Eisenbahnmuseum, vielleicht hätte ich da mal reinschauen sollen (Habe ich ehrlich gesagt schon mal, aber alles wieder vergessen.) Gelegenheit hätte ich gehabt, denn die Fahrtkarten von Yeravan nach Tbilisi kann man natürlich nicht in Tbilisi kaufen. Und natürlich hatte der Ticketschalter noch nicht auf, als wir um sieben in Yerevan ankamen. Also am Nachmittag noch mal zum Bahnhof am Rand (und zwar am äußersten Rand) der Innenstadt. Immerhin hat er einen guten U-Bahnanschluss - das ist mehr als man vom Berliner Hauptbahnhof sagen kann. Aber Yerevan hat auch nur eine U-Bahnlinie.


Eindrucksvoller Wartesaal, vor allem wenn man bedenkt,
dass es kaum innerarmenische Züge gibt und die einzigen
internationalen Züge die Verbindung nach Tbilisi
alle zwei Tage ist. Die Strecken nach Aserbaidschan, Iran
und Türkei sind alle gesperrt.
Die Rückfahrt war einerseits besser, weil ich schon ungefähr wusste, wie ich mich mit Kind auf der engen Liege zusammenrollen konnte, andererseits anstrengender, weil die Grenzkontrollen nerviger waren. Ok, nach der Hinfahrt war mir klar, dass sich in so einem Eisenbahnwagen locker Pässe in fünf verschiedenen Schriften befinden können (Armenisch, Georgisch, Kyrillisch, Arabisch bzw. Persisch und Lateinisch) und natürlich ist es imperialistisch anzunehmen, dass ausgerechnet Lateinisch beherrscht wird, aber es hätte doch einiges erleichtert. 
Bahnhofsdecke.

Zwei Erkenntnisse: 1) In meinen nächsten Reisepass kommt der Dr.-Titel nicht mehr rein. Sonst werde ich noch wahnsinnig, wenn ich versuche zu erklären, warum das Reisebaby und ich nicht den exakt selben Nachnamen haben. 2) Künftig überquert das Reisebaby innerkaukasische Grenzen nur noch in rosa Rüschen. Ein Mädchenname im Pass und ein Baby im blauen Body ist offensichtlich zu viel für arme Grenzer.


Der Turm des Bahnhofs in Yerevan in extra groß.
damit man den Witz erkennt: Auf der Spitze, wo früher
Hammer und Sichel prangten, hat man nun
die Umrisse des Araratmassivs in den Kranz eingefügt,
sonst aber alles unverändert gelassen.
Und Yerevan? War auch schön - alter Freundinnen gesehen, neue kennengelernt, herrliches Wetter genossen (bis auf den Regenguss auf dem Weg zum Zug zurück - natürlich!), und tatsächlich auch noch einige Ecken kennengelernt, die ich noch nicht kannte. Dazu morgen oder übermorgen mehr. Erst muss ich Schlaf nachholen.